G8 in der Kritik: Gymnasiasten brauchen mehr Zeit - Frist für Volksbegehren vom 3. bis 16. Juli

In der eingeschlagenen Richtung waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „G8 – G9: Wie geht es weiter“ im Kurhaus Nebengebäude in Freyung einig: Gymnasiasten brauchen mehr Zeit, um sich individuell entwickeln zu können. Am bestehenden Lernmarathon muss sich etwas ändern. Ein erster Schritt dahin ist ein erfolgreiches Volksbegehren der FREIEN WÄHLER. „Wir müssen Druck aufbauen, damit sich die Staatsregierung in dieser Frage bewegt“, sagte MdL Prof. Michael Piazolo. Knapp eine Million Menschen müssen vom 3. bis 16. Juli für das Volksbegehren unterschreiben. Nur wenn es erfolgreich ist, ist nach Ansicht von MdL Alexander Muthmann der Weg frei, um mit allen Beteiligten eine Lösung zu finden und ein neues System auf den Weg zu bringen. Wie dies aussieht, ob nur G9 oder eine Mischform, darüber müssten alle Beteiligten im offenen Dialog reden.
Stur zurück zum alten neunjährigen Gymnasium wollten die Gesprächsteilnehmer nicht. „Nicht alles vom G8 ist schlecht, wie zum Beispiel die Intensivierungsstunden“, sagte Michael Halser, Elternbeiratsvorsitzender vom Landgraf-Leuchtenberg Gymnasium in Grafenau. Auch Michael Piazolo stimmte dem zu. „Wir dürfen das G8 nicht verdammen, damit tut man den erfolgreichen Schülern und den engagierten Lehrern unrecht.“ Günter Breu, Bezirksvorsitzender Niederbayern des Philologenverbandes, erklärte, dass der offene Dialog von Bedeutung ist. „Wir wollen keine Hau-Ruck-Aktion wie bei der Einführung des G8 vor elf Jahren. Wir wollen, dass alle Beteiligten ihre Vorstellungen einbringen können, um zu einer vernünftigen Lösung zu kommen.“
Dass eine Lösung die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 sein könnte, stimmte manche Beteiligte allerdings skeptisch. Gerade in kleineren Gymnasien in den ländlichen Regionen sei diese Zweigleisigkeit vermutlich schwierig umzusetzen. Dass hier noch viele Gespräche und Ideen nötig sind, machte Michael Piazolo klar. „Nach dem erfolgreichen Volksbegehren müssen wir ein Modell entwickeln, das es möglich macht, das Gymnasium in acht oder neun Jahren zu durchlaufen.“
Fest steht, dass viele Schüler unter den jetzigen Belastungen leiden. „Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Jugendlichen die Schule als mündige Bürger verlassen, müssen wir ihnen Zeit geben, sich selbst auszuprobieren“, forderte Yvonne Kirschner, stellvertretende Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik des BLLV Niederbayern. „Nur so können sie feststellen, ob sie die Schlüsselkompetenzen, die für das Leben nötig sind, auch erworben haben.“ Dem stimmte auch Hans Weber von der DJK Fürsteneck zu. „Ich stelle fest, dass gerade Gymnasiasten im Verein aufnahmefähiger sind. Man merkt, sie durchlaufen einen Reifeprozess.“ Mit mehr Zeit könne man dies noch besser fördern.
Um was es den Schülern geht, brachte Lilian Prent, Schülern am Gymnasium Freyung, auf den Punkt. „Uns geht es um die Förderung unserer Individualität.“ Durch den Verlust der Grund- und Leistungskurse durch das G8 könne man seine Stärken nicht mehr ausleben. „Ich würde mich gerne in Themen vertiefen, Dinge hinterfragen und diskutieren – aber es ist zu wenig Zeit dafür.“ Dass dies schwerwiegende Auswirkungen auf die späteren Studenten hat, erklärte Michael Piazolo, der selbst an der Hochschule tätig ist. „Die Bereitschaft, Inhalte zu kritisieren und nachzufragen, hat enorm nachgelassen. Dadurch geht auch Innovationsfähigkeit verloren.“ Und Günter Breu ergänzte: „Die Studierfähigkeit ist oft gar nicht da, das belegt auch die Zahl der Studienabbrecher.“ Lilian Prent ergänzte: „Viele sind vom G8 oft so kaputt, dass sie nach dem Abitur lieber erst einmal ins Ausland gehen oder eine Ausbildung machen. Der Grundgedanke des G8, schneller Arbeitskräfte für die Wirtschaft zu bekommen, hat sich selbst aufgefressen.“
Am Ende bedankte sich MdL Alexander Muthmann bei allen Gästen und dem Publikum für die spannende Diskussion. Jetzt gelte es, möglichst viele Menschen beim Volksbegehren zu mobilisieren. „Wir brauchen ein Signal, dass das Volk über diese Frage entscheiden will.“ Muthmann verwies auf ein Zitat von Anke Sauter: „Zum Erwachsenwerden gehören nicht nur binomische Formeln und der Ablativus absolutus. Soll aus einem Kind eine erwachsene Persönlichkeit werden, braucht es Zeit und Gelegenheit, sich außerhalb von Pflichterfüllung frei zu entfalten.“